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Pflegebedürftig und jetzt? Was Angehörige wissen müssen

28.09.2026. Antrag bei der Pflegekasse, Feststellung der Pflegebedürftigkeit, Organisation einer Versorgung: Zu Beginn einer Pflege gibt es vieles, worum man sich kümmern muss. Aber worum muss man sich als Erstes kümmern? Die Pflege-Autorin Carina Frey gibt Antworten zu wichtigen Fragen.

Antrag bei der Pflegekasse, Feststellung der Pflegebedürftigkeit, Organisation einer Versorgung: Zu Beginn einer Pflege gibt es vieles, worum man sich kümmern muss. Aber worum muss man sich als Erstes kümmern?

Wenn absehbar ist, dass ein Angehöriger dauerhaft Hilfe im Alltag braucht, sollten Sie sich sofort an seine Pflegekasse wenden. Die Pflegeversicherung zahlt nicht automatisch, alle Leistungen müssen beantragt werden. Je schneller das passiert, desto besser, denn umso früher fließt Geld. Die Pflegekasse ist immer bei der gesetzlichen Krankenkasse angesiedelt. Ein Beispiel: Wer bei der AOK krankenversichert ist, muss sich an die AOK Pflegekasse wenden. Als Antrag reicht zunächst ein formloses Schreiben des Betroffenen: „Hiermit beantrage ich Leistungen der Pflegeversicherung.“ Nachdem der Antrag auf Pflegeleistungen bei der Kasse eingegangen ist, schickt diese ein Formular zurück, auf dem alle nötigen Informationen gesammelt werden.

Bekommt denn jeder Mensch, der auf Pflege angewiesen ist, Leistungen der Pflegeversicherung?

Nein, die Pflegekasse zahlt nur, wenn der Unterstützungsbedarf dauerhaft besteht, das heißt für voraussichtlich mindestens sechs Monate. Außerdem muss die pflegebedürftige Person in den vergangenen zehn Jahren zwei Jahre oder mehr Beiträge für die Pflegeversicherung gezahlt haben oder über einen Angehörigen familienversichert gewesen sein. Und schließlich muss eine Pflegebedürftigkeit vorliegen. Ob das der Fall ist, wird in einem aufwendigen Verfahren geprüft, der sogenannten Begutachtung. Dafür kommt ein Gutachter oder eine Gutachterin des Medizinischen Dienstes zur pflegebedürftigen Person nach Hause und prüft, wie eigenständig diese ihr Leben noch führen kann. Daran bemisst sich der Pflegegrad.

Was zahlt die Pflegeversicherung?

Das hängt vom Pflegegrad und dem Ort der Pflege ab. Menschen mit Pflegegrad 1 erhalten lediglich Basisleistungen wie den Entlastungsbetrag in Höhe von 131 Euro monatlich, mit dem zum Beispiel ein Teil der Kosten für eine Haushaltshilfe beglichen werden kann. Sie haben außerdem Anspruch auf Pflegehilfsmittel wie ein Pflegebett oder einen Hausnotruf. Außerdem können sie Gelder beantragen, um die Wohnung altersgerecht umzubauen.

Ab Pflegegrad 2 stehen Menschen weitere Leistungen der Pflegeversicherung zu. Hier gilt: Je höher der Pflegegrad, desto mehr Geld wird gezahlt. Die meisten Pflegebedürftigen, die zu Hause versorgt werden, nehmen das Pflegegeld in Anspruch. Dieser Betrag wird aufs Konto überwiesen. Die pflegebedürftige Person kann frei darüber verfügen. Das Geld stellt für viele Familien eine wichtige Einnahme dar. Daneben gibt es zahlreiche andere Leistungen, die Pflegebedürftigen aber oft nicht bekannt sind. Sie können zum Beispiel den gemeinsamen Jahresbetrag von 3.539 Euro beantragen und von dem Geld eine Nachbarin oder eine professionelle Pflegekraft bezahlen, die einspringt, wenn Angehörige eine Auszeit brauchen. Außerdem steht ihnen Geld für eine Tagespflege zu. Tagespflege heißt, dass die pflegebedürftige Person tagsüber eine Einrichtung besucht und dort an Mahlzeiten und Freizeitaktivitäten teilnimmt. Das sorgt nicht nur für Abwechslung, sondern ist eine wichtige Unterstützung für pflegende Angehörige, die sich tagsüber nicht selbst kümmern können.
Menschen, die in einem Pflegeheim versorgt werden, bekommen deutlich mehr Geld von der Pflegeversicherung, weil die Kosten im Heim so hoch sind.

Das klingt kompliziert. Wer berät denn zu solchen Fragen?

Innerhalb von zwei Wochen nach dem Antrag auf Pflegeleistungen müssen die Pflegekassen einen Termin für eine kostenlose Pflegeberatung anbieten und eine Ansprechperson benennen. Die Pflegeberatung kann einen einzelnen Termin umfassen oder sich über Monate erstrecken. Bisher wird das Angebot viel zu wenig in Anspruch genommen, weil Pflegebedürftige nicht davon wissen. Die Pflegeberaterinnen müssen auf Wunsch auch bei ganz praktischen Organisationsfragen helfen – zum Beispiel bei der Suche nach einem Pflegedienst.
Hilfe und Unterstützung bekommen Sie auch bei den Pflegestützpunkten. Diese Anlaufstellen wurden in fast allen Bundesländern eingerichtet, um zu Fragen rund um eine Pflege zu beraten und bei der Organisation zu helfen. Die Mitarbeitenden informieren zu Leistungen der Pflege- und der Krankenkasse, helfen bei der Antragstellung und haben Kontakte zu Unterstützungsangeboten vor Ort. Die Beratung ist für gesetzlich Krankenversicherte kostenlos.

Nicht jeder Angehörige ist in der Lage oder traut sich zu die Pflege zu übernehmen. Wer kann helfen, den Pflegebedarf einzuschätzen?

Erste Ansprechpartner sind die behandelnden Ärztinnen und Ärzte. Sie können erklären, welche typischen Auswirkungen eine Krankheit hat und mit welchen Einschränkungen in Zukunft zu rechnen ist. Solche Informationen sind wichtig, um sich ein realistisches Bild zu machen. Pflegekräfte können gut einschätzen, wie groß der Unterstützungsbedarf ist. Ambulante Pflegedienste bieten solche Beratungsgespräche an. Bekommt ein Angehöriger bereits Krankengymnastik oder eine andere Therapie, lohnt auch ein Gespräch mit den Therapeutinnen.
Viele Menschen – vor allem Frauen – rutschen als Betreuerin in eine Pflege hinein, ohne sich bewusst dafür entschieden zu haben. Das hat mit verinnerlichten Rollenbildern zu tun. In Deutschland wird Sorgearbeit noch immer überwiegend als Aufgabe der Frauen gesehen. Diese Aufgabe kostet viel Zeit: Rein statistisch dauert eine Pflege in Deutschland durchschnittlich vier Jahre lang. Deshalb ist es so wichtig, möglichst früh möglichst viele Menschen einzubinden und mit anderen Familienmitgliedern gemeinsam zu überlegen, wie sich die Pflege organisieren lässt. Wer pflegt, braucht Entlastung von anderen. Niemandem ist geholfen, wenn die Hauptpflegeperson nach wenigen Monaten erschöpft aufgibt und die Versorgung zu Hause zusammenbricht.

Und wie findet man einen Pflegedienst - und was kostet er?

Die Pflegekassen bieten eine Online-Suche über Datenbanken wie den Pflegefinder (BKK) oder den Pflegelotsen (vdek). Sie sind außerdem verpflichtet, Listen mit nahegelegenen Pflegediensten zur Verfügung zu stellen. Die Pflegestützpunkte wissen in der Regel, welche Pflegedienste auf bestimmte Krankheitsbilder spezialisiert sind. Doch leider fehlt den Pflegediensten Personal. In manchen Regionen ist es deshalb schwierig, einen Pflegedienst zu finden, der neue Kundinnen annimmt. Lassen Sie sich von der Pflegekasse helfen, wenn Sie nicht weiterkommen.
Ambulante Pflegedienste rechnen in der Regel nach sogenannten Leistungskomplexen oder Modulen ab. Pflegebedürftige buchen bestimmte Tätigkeiten wie das morgendliche Waschen. Die Pflegeversicherung beteiligt sich über die sogenannten Pflegesachleistungen an den Kosten, die Höhe ergibt sich aus dem Pflegegrad. Für eine umfassende Hilfe reicht das zur Verfügung stehende Geld in aller Regel nicht aus. Deshalb ist es wichtig zu überlegen, welche Tätigkeiten Profis übernehmen sollen und bei welchen Aufgaben Familie und Freunde unterstützen können.

Aktuell wird eine Reform der Pflegeversicherung diskutiert. Noch ist nicht klar, welche Vorschläge aus dem Regierungsentwurf tatsächlich Gesetz werden. Was sollten Familien jetzt tun?

Bei den Vorschlägen aus dem Bundesgesundheitsministerium geht es nicht um die Frage, ob einzelne Leistungen um ein paar Euro verändert werden. Sondern hier werden ganz grundsätzliche Umstrukturierungen ins Auge gefasst. Wer überlegt, erstmals Leistungen der Pflegeversicherung oder eine Einstufung in einen höheren Pflegegrad zu beantragen, sollte schnell handeln. Denn voraussichtlich wird es künftig schwerer, einen Pflegegrad zu bekommen.

Mehr Informationen zum Thema:

Ratgeber "Pflegefall - was tun? Soforthilfe – Schritt für Schritt" der Verbraucherzentrale, 20 Euro
Was tun, wenn Angehörige Pflege benötigen? Meist müssen in kurzer Zeit Entscheidungen getroffen werden, die das Leben der pflegebedürftigen Person, aber häufig auch das der Familienmitglieder grundlegend verändern. Ausgehend von neun typischen Lebenssituationen bietet der Ratgeber schnelle Orientierung und Entscheidungshilfe – von der ersten Versorgung bis zur Auswahl und Organisation der passenden dauerhaften Pflege.
Checklisten und viele Tipps von Pflegeprofis sind eine gute Basis, um im Pflegefall die richtigen Antworten auf die Frage „Was tun?“ zu finden.
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